Der Obrist und die Tänzerin

Südamerika in den achtziger Jahren. Der Polizist und ehemalige Anwalt, Oberst Agustin Rejas (Javier Bardem), erhält den brisanten Auftrag, die Guerilla-Anschläge zu untersuchen, die in letzter Zeit das Land in Atem halten. Drahtzieher dieser grausamen Attentate ist ein Mann, über den nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird: Ezequiel. Für Rejas beginnt eine erbitterte und lebensgefährliche Jagd nach dem Top-Terroristen. Einziger Lichtblick ist Yolanda, die Ballettlehrerin seiner Tochter. Entgegen aller guten Vorsätze verliebt sich Rejas Hals über Kopf in die junge, attraktive Frau. Mitten im Chaos der Gefühle kommt er nun auch Ezequiel langsam auf die Spur. Und diese führt zu Yolandas Haus...

In der Presse

film-dienst | film-dienst.kim-info.de

Der Obrist und die Tänzerin

von Ulrich Kriest

Eine Grenzstation, irgendwo in den Anden. Man wird Zeuge, wie ein Grenzpolizist überfahren wird. Eine beklemmende, unheilschwangere Atmosphäre liegt über der Szene, man ahnt die Eskalation der Gewalt. Doch alles scheint reine Routine zu sein, ein Foto wird geschossen, ein junger Grenzbeamter unterhält sich mit dem Anführer der Gruppe im Fahrzeug, dann setzt diese ihre Fahrt fort. Erst Jahre später werden sich die beiden Männer wieder Auge in Auge gegenüber stehen. Die flüchtige Bewegung verändert das Leben des Polizeibeamten Rejas dennoch grundlegend. Schnitt: Längst arbeitet Rejas in leitender Funktion bei der Polizei in der Hauptstadt, als diese mit einer nicht abreißenden Welle äußerst eindrücklicher, aber merkwürdig kontextloser Anschläge konfrontiert wird, verübt im Namen eines mysteriösen „Präsident Ezequiel“. Rejas Nachforschungen belegen, dass diese Formen eines Terrors ohne ideologische Absichtserklärung, aber auf hohem theatralisch-symbolischem Niveau in der Provinz seit längerem gang und gäbe sind. Kündigt sich hier eine noch orientierungslose soziale Revolution an? Als eine Theatertruppe während einer Vorstellung in einer Art „Snuff“-Performance einige Regierungsmitglieder exekutiert, ist die Geduld der Militärs erschöpft. Polizei und Staatsanwaltschaft werden im Handstreich entmachtet; fortan „ermittelt“ das Militär mit einer den Terroristen durchaus vergleichbaren menschenverachtenden Gewalt. Rejas muss an den Generälen vorbei ermitteln und manchen Rückschlag hinnehmen. Immerhin liefert ihm ein konfisziertes Videoband ein erstes Bild von Ezequiel und Hinweise auf dessen Aufenthaltsort. Der Rest ist eine Mischung aus routinierter Fahndung und etwas Glück.

Doch „Der Obrist und die Tänzerin“ ist nur teilweise ein zurückhaltend erzählter Politthriller, sondern auch das skizzenhafte Porträt eines aufrichtigen, etwas melancholisch wirkenden Polizisten, der von Javier Bardem wunderbar zurückgenommen gespielt wird. Rejas hatte sich vor Jahren entschlossen, seine Karriere als Anwalt aufzugeben, um sich der politischen Korruption zu entziehen. Im Verlauf des Films muss er jedoch erkennen, wie gering der Spielraum eines Gesinnungsethikers in einem umfassenden System aus Korruption, Unterdrückung, Terror und Gegenterror ist. Als er versucht, seine Arbeit mit seinen privaten Interessen – zwischen ihm und Yolanda, der Ballettlehrerin seiner Tochter, entwickelt sich zögernd eine zarte Liebesgeschichte – zu verbinden, wird seine private Utopie und damit auch das symbolische Kapital seiner Integrität zerstört. Am Schluss opfert Rejas seine politische Macht einem verzweifelten Liebesbeweis, obwohl er weiß, dass seine Geliebte diesen weder akzeptieren wird noch kann.

Der Schauspieler John Malkovich hat sich für sein Regiedebüt einen faszinierenden Stoff ausgesucht und diesen auf provozierend altmodische und reduzierte Weise realisiert. Sein Film greift Motive aus der Geschichte der peruanischen Terroristengruppe „Sendinero Luminoso“ („Leuchtender Pfad“) auf, deren Kopf, dem ehemaligen Philosophiedozenten Abimael Guzmán, die schillernde Figur des Ezequiel wesentliche Züge verdankt. Doch obwohl der Film bemerkenswerte Bilder für die Ankunft des Terrors in der Hauptstadt findet, handelt er weniger vom Terrorismus, sondern in Form einer Parabel mehr über die Handlungsmöglichkeiten eines Idealisten, der zwar seine Pflicht erfüllt, dabei aber sein individuelles Glück und die mit seiner Person verknüpften politischen Hoffnungen zerstört. Malkovich hat sich für ein fast semi-dokumentarisches Erzählen mit vielen Leerstellen entschieden, die der Geschichte eine ungewöhnliche Vagheit und Zurückhaltung verleihen – und den Terrorakten eine fast surreale Dimension. Seien es die wild um sich schießenden Schulmädchen in ihren Uniformen, sei es die Exekution der politischen Führungselite während eines Avantgarde-Spektakels oder das Bild eines Augenpaares, das Indio-Kinder als Poster auf ihrem Rücken durch die Stadt tragen: der moralische Rigorismus der Revolution trägt hier Züge von Pop-Art, wie sich auch die bittersüße Liebesgeschichte fast wie ein irrwitziges Hollywood-Zitat ausnimmt – und das in einem Film, der mehr als einmal an Peter Lilienthals spröden Klassiker „Es herrscht Ruhe im Land“ (fd 19 661) erinnert. Diese Doppelbödigkeit im Verweis auf die mediale Konstruktion des Terrors charakterisiert auch die explizite Anspielung auf Costa-Gavras’ „Der unsichtbare Aufstand“ (fd 18 264), den die Terroristen auf Video anschauen. Dass Filme Terror und Terroristen glamourös erscheinen lassen können, weiß Rejas’ Vorgesetzter, wenn er erklärt: „In diesen Filmen sind die Terroristinnen immer hübsche Französinnen, und die Polizisten sehen wie Ärsche aus.“ „Der Obrist und die Tänzerin“ macht dabei keine Ausnahme, aber er verschweigt auch nicht die unangenehme Hautkrankheit Ezequiels und weiß zudem: Eine Überdosis Kant, gemischt mit Mao und Marx, gefährdet die innere Sicherheit, Rauchen dagegen das Leben in der Heimlichkeit – und beides zusammen die Gesundheit.





DETAILS

Der Obrist und die Tänzerin

DVD
Originaltitel: The Dancer Upstairs (Drama, Thriller, Spanien / USA 2001), ca. 129 Minuten
FSK 12
DVD im Handel seit 09.09.03

Extras

B-Roll; Interviews; Trailer

Darsteller

Javier Bardem (Life Flash, Before Night Falls, Entre las piernas)
Juan Diego Botto (Asfalto - Kalter Abendhauch, Silencio roto)
Laura Morante (Das Zimmer meines Sohnes, Hotel, Vajont)
Abel Folk (El viaje de Arian, Subjudice)

Stab

Regie: John Malkovich
Drehbuch: Nicholas Shakespeare nach seinem gleichnamigen Roman
Kamera: José Luis Alcaine
Produktion: Andrés Vicente Gómez, John Malkovich

Technische Angaben

Bild: 1,78:1 (16:9 anamorph)
Sprachen/Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch

Angaben zum Vertrieb

Bst.-Nr. 500561, EAN 4006680027890







 
© 2019 STUDIOCANAL GmbH. Alle Angaben ohne Gewähr.