Edgar Reitz zählt nicht erst seit seiner „Heimat Trilogie“ zu den großen deutschen Regisseuren. Mit dieser umfangreichen Edition lädt Arthaus ein, das Frühwerk des vielseitigen Filmemachers wieder und neu zu entdecken. Alle Filme wurden für die Edition aufwändig restauriert und neu abgetastet. Ergänzt wird die hochwertige DVD-Ausgabe durch ein umfangreiches Booklet von Thomas Koebner, Autor des Buches „Edgar Reitz erzählt“.

Mahlzeiten, Deutschland 1967

Cardillac, Deutschland 1969

Das goldene Ding, Deutschland 1971

Die Reise nach Wien, Deutschland 1974

Die Stunde Null, Deutschland 1977

Der Schneider von Ulm, Deutschland 1978

Bonus-DVD mit den wichtigsten Kurz-, Dokumentar- und Experimentalfilmen von Egard Reitz:

Baumwolle, Deutschland 1960

Yucatan, Deutschland 1960

Kommunikation, Deutschland 1962

Geschwindigkeit, Deutschland 1963

Die Kinder, Deutschland 1966

Susanne tanzt, Deutschland 1979

In der Presse

02.03.2009

Begleitschreiben des Regisseurs

von Edgar Reitz

München, 20. Februar 2009
Im Herbst 2006 erhielt ich eine Anfrage von einer italienischen Filmverleih-Firma, die Interesse bekundete, meine frühen Filme in Italien neu herauszubringen. Nach dem beispiellosen Erfolg, den die HEIMAT-TRILOGIE in italienischen Kinos erleben konnte, war ein besonderes Interesse an den Werken entstanden, die diesem alle Grenzen sprengenden Epos vorausgegangen waren. Hocherfreut gab ich bei einem Kopierwerk die Herstellung von Ansichtskopien der Filme in Auftrag, die ich in den 60er und 70er Jahren gedreht hatte. Zu unser aller Entsetzen stellte sich aber heraus, dass alle diese Filme nach fast 40 Jahren der Lagerung in verschiedenen Archiven Schäden aufwiesen, die es unmöglich machten, die Wünsche der italienischen Fans zu erfüllen. Besonders die Colorfilme hatten im Laufe der Jahre ihre ursprünglichen Farben fast gänzlich verloren. Bis zur Unkenntlichkeit mit Rotstichen und Ausbleichungen verunstaltet bot das Filmmaterial einen entmutigenden Anblick, zumal sich auch noch endlos viele Laufschrammen, Verschmutzungen und Perforationsschäden zeigten. Negativ-Klebestellen hatten sich gelöst, das Material war teilweise geschrumpft, ausgetrocknet und von zersetzenden Klebstoffen angegriffen. Kurz: Wir standen vor einem Problem, das übrigens weltweit bekannt ist und droht, ganze Teile der Filmkultur zu zerstören. Schon in den 70er Jahren hatten die amerikanischen Regisseure versucht, sich mit Protesten gegen die sich selbstzerstörenden Filmmaterialien zu wenden. Immerhin reagierte die Industrie mit verbesserten Film-Emulsionen, aber ganz gelöst wurde das Problem der kurzen Lagerfähigkeit der Filme mit Hilfe der traditionellen Techniken bis heute kaum.

Ich verdanke es dem Einsehen und der finanziellen Hilfe durch die Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur, dass es möglich wurde, die 6 wichtigsten Spielfilme und weitere Kurz- und Dokumentarfilme meiner „frühen Jahre“ zu retten. Dies gelingt glücklicherweise inzwischen mit den Möglichkeiten der digitalen Bearbeitung. Dabei werden die Original-Negative, die sich seit Jahren im Bundesarchiv befunden hatten, mit Hilfe eines Scanners Bild für Bild in hoher Auflösung digitalisiert. Wir verwendeten die sogenannte 2K-Auflösung, was bedeutet, dass jedes Filmbild in mehr als 3 Millionen Bildpunkte zerlegt und schichtweise erfasst wird. Wenn man bedenkt, dass ein normaler Spielfilm von 100 Minuten Länge sich aus gut 150 000 Einzelbildern zusammensetzt, kann man sich das Ausmaß der Arbeit vorstellen, die darin besteht, in jedem dieser „Frames“ die aufgespürten Farbreste zu verstärken, Flecken, Staub, Laufschrammen oder Bildstandsfehler zu beseitigen und in einem entscheidenden „Grading-Prozess“ die gesamte Farbästhetik wiederherzustellen. Wir haben zu diesem Zweck ein eigenes Studio zur digitalen Bildbearbeitung eingerichtet und gemeinsam mit britischen Software-Herstellern, den Technikern der Firma ARRI in München und unserem eigens eingeschulten Team über 2 Jahre gebraucht, um die 6 Spielfilme zu retten, die jetzt als DVD-Edition unter dem Titel DAS FRÜHWERK von KINOWELT/ARTHAUS vorgelegt werden.



Eine Besonderheit der digitalen Film-Restaurierung besteht darin, dass alle Kriterien der Bildgestaltung neu definiert werden müssen. Die Farbigkeit von Kostümen, Schauplätzen, Natur, von Lichtstimmungen oder erzählerischen Abläufen im Schnitt, alle Elemente der Bildgestaltung also, können beliebig verändert und neu definiert werden. Das würde der Beliebigkeit einer Allerwelts-Ästhetik Tür und Tor öffnen, wenn nicht der Regisseur und sein Kameramann sich persönlich um die entscheidenden Prozesse der Filmrestaurierung selbst kümmern würden. Wir haben in unserem Falle das Glück gehabt, dass alle Arbeitsschritte unter unserer eigenen Kontrolle stattfinden konnten.

Bei der Bearbeitung der Filmmaterialien lag es nahe, auch die Ideen zu verwirklichen, für die in der Zeit der Entstehung der Filme die technischen Möglichkeiten fehlten: So haben wir im Film CARDILLAC endlich die fließenden Übergänge zwischen Farbmaterial und Schwarzweiß-Sequenzen realisiert, die mir damals vorgeschwebt hatten. Es gab in diesem Film auch die Möglichkeit, monochrome Bilder mit Farbbildern zu kombinieren, die damals mit unzulänglichen Mitteln „entsättigt“ worden waren. Goldtöne, die eine große Rolle spielen in diesem sonderbaren Film über einen verrückten Goldschmied, konnten endlich auch so zum Leuchten gebracht werden, wie es das alte Filmmaterial im Jahre 1969 noch nicht erlaubte. Bei der Bearbeitung von DIE REISE NACH WIEN stellte sich zudem heraus, dass der Verleih 1974 mehrere Szenen herausgeschnitten hatte, um den Film der Vorstellungswelt der Verleihchefin anzunähern. Wir waren überglücklich, als wir die unverstümmelte Fassung wieder herstellen konnten, die bis auf den heutigen Tag niemand gesehen hat. Wir machten uns diese Entdeckung zunutze und erreichten, dass auch alle übrigen Filme in der ursprünglichen „Director’s Cut- Version“ restauriert und für die DVD gemastert werden konnten. Damit zeigen sich alle 6 Spielfilme der Frühwerk-Edition in ihrem schönsten Gewande, sodass man fast von einer Uraufführung dieser Filme sprechen kann.

Bei den monatelangen Arbeiten, die wir jedem unserer Filme widmeten, mussten wir uns immer wieder in die Jahre der Entstehung und die Zeitumstände versetzen, die sich in allem, in der Machart, der Technik, der Erzählweise widerspiegeln. Es ist schon ein großes Abenteuer, zu sehen, wie verschieden die Produktionsbedingungen von den heutigen waren und wie wir es damals geschafft haben, mit lächerlich geringen Budgets, mit ungelenkem und sauschwerem Equipment und in winzigen Teams teilweise erstaunliche Wirkungen zustande zu bringen. Besonders auffällig ist, dass hinter allen diesen Filmen ein riesiges Gedankengebäude errichtet worden war und dass nicht die kleinste Nebensache unbedacht oder leichtfertig gefilmt worden ist. Vielleicht ist das eine aus der Not geborene Tugend, die uns heute zu denken gibt. Ich betrachte meine frühen Filme heute, nachdem bis zu 40 Jahre vergangen sind, mit einem sehr distanzierten Blick. Ich erinnere mich zwar noch an Tausende von Einzelheiten und Umständen, bin aber ganz unbefangen, wenn ich diese Filme ansehe: Sie zeigen trotz aller Verschiedenheiten von Stil, Thema und Mitteln immer eine persönliche Sicht, die ich mit Erstaunen als meine ureigenste erkenne. Nach so vielen Jahren kommt man sich auch selbst „auf die Schliche“, d.h. man steht auf einmal vor einem Spiegel, der nicht nur die Gegenwart zeigt, sondern auch das Unvergängliche im eigenen Gesicht.

Edgar Reitz





DETAILS

Edgar Reitz - Das Frühwerk

DVD Schuber 7er
Diverse, Deutschland 1960-1979, ca. 739 Minuten
FSK 16
DVD im Handel seit 20.03.09

In dieser Box:

Cardillac
Das goldene Ding
Mahlzeiten
Die Reise nach Wien
Der Schneider von Ulm
Stunde Null

Extras

Edgar Reitz im Gespräch mit Thomas Koebner; Booklet mit Texten des Publizisten Thomas Koebner; Fotogalerien; Presseinformationen als PDF; Trailer

Ansicht Packshot

Stab

Regie: Edgar Reitz
Drehbuch: Diverse
Kamera: Diverse
Produktion: Diverse

Technische Angaben

Bild: Diverse
Sprachen/Ton: Deutsch (Diverse Tonformate)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte (Spielfilme)

Angaben zum Vertrieb

Bst.-Nr. 502016, EAN 4006680043678







 
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