Die schüchterne Karen trifft auf eine Gruppe junger Leute, die ein besonderes Experiment wagen. In der Öffentlichkeit geben sie sich lautstark und aggressiv als Behinderte aus. Als Anführer Stoffer darauf drängt, das Verhalten auf private und berufliche Beziehungen auszuweiten, kommt es zum Bruch. Nur eine Person gibt nicht auf …

Das provokante Filmexperiment des Initiators der dänischen Dogma-Bewegung wurde 1998 in Cannes gemeinsam mit Thomas Vinterbergs Dogma-Film »Das Fest« für den Spezialpreis der Jury nominiert.

In der Presse

film-dienst | film-dienst.kim-info.de

Idioten

von Hans Messias

Endlich kommen sie auch in unsere Kinos: Lars von Triers „Idioten“, die im letzten Jahr in Cannes für Irritationen sorgten und einem recht erzwungenen Stilwillen unterworfen sind, der vielleicht eine neue Ehrlich- und Sachlichkeit erzwingen soll, zunächst aber das Handwerk des Filmemachers erschwert. Die Gruppe skandinavischer Regisseure, die sich drakonisch anmutenden Produktionsbeschränkungen unterwerfen (neben von Trier zur Zeit noch Thomas Vintenberg, Søren Kragh-Jacobsen und Christian Levring), firmiert unter der Bezeichung „Dogma '95“. Bei den Dreharbeiten wird auf Zusatzlicht und Filter verzichtet, nur Requisten, die am Set vorhanden sind, sind erlaubt, Spontaneität ist oberstes Gebot. Der Regisseur zeichnet nicht mehr als Hauptverantwortlicher; der Film wird als „Dogma“-Produktion vorgestellt. Die primär technischen Beschränkungen, mit denen die immer komplexer werdende Filmproduktion paradoxerweise vereinfacht werden soll, scheint für den den Laien zunächst jedoch mit einer Reihe von Erschwernissen verbunden zu sein.

Die erste Hürde zumindest, das Drehbuchschreiben, hat Schnellschreiber Lars von Trier mit Bravour genommen. Vier Tage zwangen ihn „Die Idioten“ an den Schreibtisch, von dem es ohne Gegenlesen gleich in die Produktionsphase ging. Nun ist von Trier allerdings in der glücklichen Lage, als „Wunderkind“ des dänischen Films zu gelten, weshalb er über genügend Kredit in der Branche und außerdem über eine langjährige, fast alleuropäische Produktionspraxis verfügt. Ein preiswert produzierter Film darf vor diesem Hintergrund auch mal in den Sand gesetzt werden. „Dogma # 2“, wie „Die Idioten“ im Untertitel heißen, ist jedoch keineswegs hingeschludert, auch wenn er mit der Unfertigkeit kokettiert. Er ist im Gegenteil so komplex, daß das erste Hinschauen irritiert und verstört und erst eine zweite Sichtung des Films seine (Un-)Tiefen offenbart. Das macht ihn zwar noch zu keinem Meisterwerk, weckt jedoch ein gesteigertes Interesse. Von Trier erzählt die Geschichte einer Mittelklasse-Clique, die nichts so sehr verabscheut wie ihre Herkunft, und mit dem denkbar schwersten Geschütz gegen dagegen vorgeht. Abgeschottet in einer feudalen Villa, unternehmen die jungen Leute Feldzüge gegen das Gutbürgerliche, gebaren sich in der Öffentlichkeit als lallende und sabbernde Irre, bringen jede Gesellschaft zum Platzen und zwingen den Mitbürgern Peinlicheiten ohne Ende auf. In diesen Kreis gerät die nicht mehr ganz junge Karen, die von den Umtrieben angewidert und zugleich fasziniert ist und sich vom eilfertig herbeigeredeten Glücksgefühl der Gruppe einlullen läßt. Doch die scheinbar anarchistischen Verhältnisse sind nicht so libertär, wie sie scheinen. Es gibt klare Strukturen und Machtpositionen innerhalb der Gruppe. Da ist Stoffer, der Chef, der das Verrücktsein nur vortäuscht, wenn es die Situation erlaubt; oder Katrine, die durch ihre Rückkehr in die Gruppe Liebe und eine bürgerliche Zukunft erzwingen will. Wesentlich schlimmer als diese privaten Absichten wirkt sich jedoch die gruppendynamische Aggression aus, die anfänglich nur gegen die bürgerliche Umwelt richtet, sich aber bald gegen die „Idioten“ selber kehrt. Ihren abstoßendsten Audruck findet sie neben zahllosen enervierenden Gesprächen in einer Gruppensex-Orgie, deren inszenatorische Drastik für einen Spielfilm nicht deutlicher ausfallen kann und das längst eingeläutete Ende der Gruppe herbeiführt. Nach und nach werden die Mitglieder mittels eines idiotischen „Flaschendrehens“ ins bürgerliche Leben entlassen, das nach dem Einsatz von Stoffers letztem Machtmittel das glücklose Ende des Films signalisert. Doch der Autor läßt Nachsicht walten und fügt ein versöhnlicheres P.S. hinzu: Karen kehrt zu ihrer Familie zurück. Man erfährt vom Verlust ihres Kindes; auch, daß sie am Vorabend vor dessen Beerdigung von den Idioten aufgegabelt wurde. Sie war dem Wahnsinn nahe und erlebte die idiotischen Freunde als echte Hilfe. An der Kaffeetafel spielt sie noch einmal deren Spiel, doch Susanne, ihre neue Freundin, holt sie ins wirkliche Leben zurück. Der Irrsinn den Irren, alle anderen müssen sich dem Leben stellen.

Lars von Triers Film will provozieren und tut dies zunächst auf eine scheinbar recht einfältige Art, indem er das vermeintliche Glück der „Armen im Geiste“ gegen eine übersättigte Gutbürgerlichkeit stellt. Doch dann kippt das Bild. Auch die Freizeit-Irren sind Zwängen unterworfen. Nach außen hin spielen sie ihre Rollen perfekt, bewegen sich innerhalb der Gruppe aber auf einem äußerst schmalen Grat. Das Ganze wirkt nur solange austariert, wie sie ihre „innere Verrücktheit“ nach außen kehren, gerät aber stets dann in Gefahr gerät, wenn „normales“ Verhalten verlangt und ein Bezug zum Leben hergestellt wird. So sind die meisten, besonders die Wortführer, total überfordert, als eine Gruppe geistig Behinderter zu Besuch kommt und eine wirkliche Einlassung auf Behinderung einfordert wird; oder als ein „guter Vater“ seine psychisch kranke Tochter abholen will.

Abgründe der Ausbeutung tun sich auch in dieser streßfreien Gemeinschaft auf. Vom sanften Psychoterror bis zum erzwungenen Gruppensex reichen die Maßnahmen, die den vermeintlich paradisischen Zustand aufrecht erhalten sollen, im Grunde aber Szenen aus der Hölle sind. Ohne diese Ambivalenz, etwa, wenn sich von Trier einseitig auf die Seite der Idioten schlagen würde, wäre das Konfliktpotential des Films schnell aufgebraucht und würde angesichts realer Lebensumstände gegen den Film einnehmen. Doch von Trier versteht es über weite Strecken, den Film in der Schwebe zu halten und dem Zuschauer die Wahl zu überlassen, ob er sich für das blöd-idiotische oder bescheuert-normale Lager entscheiden will. Erst am Ende kommt erneut der Moralist zum Zug, der in seinen „The Kingdom – Hospital der Geister I und II“ (fd 31 390; fd 33 464) fabulierlustig das Böse beschwört und doch so sehr das Gute ersehnt.

„Die Idioten“ ist ein konzeptionell und thematisch sperriger Film, der Raum für Interpretationen läßt. Auch hier lugt der Regisseur zwischen den Bildern hervor und wird sich über die filmkritischen Eiertänze freuen, die sein Film sicher provoziert. Wobei Provokation vielleicht das elfte ungeschriebene Gesetz der „Dogma 95“-Gruppe ist. So stellt Lars von Trier den Spielfilm zu Gunsten eines fingierten Doku-Dramas hinten an und liefert notgedrungen ausgewaschene Bilder, wartet zum Teil auch mit nervtötendem Kasperletheater auf und führt seine Schauspieler durch Sexszenen, die an Deutlichkeit nicht zu überbieten sind. Immerhin liefert die „Dogma 95“-Gruppe Filme, an denen man sich reiben kann. Vielleicht keine neue Welle, aber doch ein paar neue Ideen, die das europäische Kino bereichern. Interessant wird allerdings erst die weitere Entwicklung von Trier und Co., denn jeder Dogmatismus ist mit Vorsicht zu genießen und ein Freigeist wie Lars von Trier könnte, wenn die Experimentierlust aufgebraucht ist, schnell das Interesse an den „Dogmen“ verlieren – und seien sie auch noch so ironisch gemeint. Was, wenn von Trier einen Western unter die Leute bringen wollte?





DETAILS

Idioten / Arthaus Collection

DVD DigiBook 1er
Originaltitel: Idioterne (Drama, Komödie, Dänemark / Schweden / Frankreich / Niederlande / Italien 1998), ca. 110 Minuten
FSK 16
DVD im Handel seit 12.10.07

Als Einzeltitel/in einer Box erhältlich:

Arthaus Collection Gesamtedition

Extras

Dokumentation "Die Gedemütigten"; Booklet; Trailer

Darsteller

Bodil Jørgensen (Dänische Delikatessen, Schickt mehr Süßes)
Jens Albinus (Dancer in the Dark, In deinen Händen)
Troels Lyby (Okay, Stealing Rembrandt – Klauen für Anfänger)
Nicolaj Lie Kaas (In China essen sie Hunde, Brothers – Zwischen Brüdern)

Stab

Regie: Lars von Trier
Drehbuch: Lars von Trier
Kamera: Lars von Trier
Produktion: Vibeke Windeløv

Technische Angaben

Bild: 1,33:1 (4:3 Vollbild)
Sprachen/Ton: Deutsch (Dolby Surround), Dänisch (Mono Dolby Digital)
Untertitel: Deutsch

TRAILERAUSWAHL

GROSS (640x360, 4.8 MB)

Angaben zum Vertrieb

Bst.-Nr. 501963, EAN 4006680043128







 
© 2012 STUDIOCANAL GmbH. Alle Angaben ohne Gewähr.