Ausgerechnet während einer Regierungskrise soll ein niederländischer Journalist ein Interview mit einer Soap-Darstellerin führen. Aus dem Pflichttermin wird ein Machtkampf, bei dem die Schauspielerin nicht nur ihr eigenes Innenleben offenbart, sondern auch den Journalisten auf den Prüfstand stellt.

Polit-Journalist trifft TV-Sternchen – ein abwechslungsreicher Schlagabtausch beginnt! Theo van Goghs bedeutendster Film - das Original zum Remake mit Steve Buscemi und Sienna Miller aus dem Jahr 2007 - ist die erste deutsche DVD-Veröffentlichung eines Films des ermordeten niederländischen Regisseurs!

In der Presse

film-dienst | film-dienst.kim-info.de

Interview

von Esther Buss

Das Original zu „Interview“, dem von Steve Buscemi inszenierten US-Remake, werden wohl die wenigsten kennen, den Namen seines Regisseurs dagegen schon: Theo van Gogh. Als der umstrittene niederländische Filmemacher im Jahr 2004 von einem religiösen Fundamentalisten ermordet wurde, war sein Werk außerhalb seiner Heimat kaum bekannt, und daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Demnächst wird man van Goghs filmische Arbeit zumindest „second hand“ kennen lernen können. Denn neben „Interview“ stehen noch zwei weitere seiner Filmstoffe als internationale Produktionen mit Hollywood-Stars an – „Interview“ ist nur der Auftakt dieser „Remake-Trilogie“.

Der Film beschreibt ein 90-minütiges Duell: Pierre Peders, ein ziemlich angeschlagener Journalist, der bereits Erfahrungen als Kriegsberichterstatter hinter sich hat, wird beauftragt, die erfolgreiche Soap-Darstellerin Katya zu interviewen. Für jemanden, der gerade an einem politischen Skandal in Washington dran ist, der journalistische Abstieg schlechthin – eine fast schmerzhafte Unterforderung bzw. Degradierung, der Peders zunächst mit vehementem Trotz begegnet, mit Ignoranz und herablassenden Fragen. Denn nicht zuletzt wird hier die ernsthafte politische Auseinandersetzung mit den seichten Nichtigkeiten der Halbprominenz konfrontiert. Das Interview wird abgebrochen, wieder aufgenommen und verwandelt sich fast unmerklich in ein komplexes Spiel zwischen Angriff und Rückzug, zwischen „echter“ emotionaler Anteilnahme und boshafter Intrige. Und bis zum „Show Down“, einer wechselseitigen Beichte des angeblich „tiefsten“ Geheimnisses, bleiben die Grenzen zwischen süffisantem Spiel und bitterem Ernst, zwischen Lüge und Wahrheit undurchsichtig.

Buscemi verlagert das kammerspielartige, klaustrophobisch anmutende Original in ein großzügiges New Yorker Loft, und es ist unter anderem auch dieser Ort, der dem Film eine gewisse Eleganz und spielerische Leichtigkeit verleiht. Während man in van Goghs Film hineingezogen wurde wie in eine beengende Nachmittags-Talkshow, schafft Buscemi einen Raum, der Distanz ermöglicht. Auf diese Weise kann man das Machtverhältnis zwischen Pierre und Katya, seine komplizierten Dynamiken, das Auf und Ab sowie den entscheidenden Augenblick, an dem buchstäblich der Spieß umgedreht wird, wie bei einer Versuchsanordnung beobachten. Das Loft wird zum Labor: „Es gibt nur Gewinner und Verlierer“ meint Katya abschließend – ein Satz, der die absurd sportliche Seite dieser Art von „Wettkämpfen“ vor Augen führt. „Interview“ beschreibt jedoch mehr als das Machtverhältnis eines etwas schematischen Gegensatzpaars – der Intellektuelle (Steve Buscemi spielt ihn auf uneitle Weise als ebenso zynischen wie gequälten Kauz) und das vermeintlich leichtlebige blonde Dummchen. Der Film sagt einiges über die Mechanismen der Mediengesellschaft aus, wenn er auf die Austauschbarkeit von Lüge und Wahrheit hinweist und darauf, dass die authentischen Geschichten nicht immer die glaubwürdigsten sind, ebenso wie die erfundenen unter Umständen überzeugend wahr klingen können. Einen ganz konkreten Bezug zur heutigen Celebrity-Kultur gelingt Buscemi natürlich durch seine Besetzung mit Sienna Miller, die Film und Wirklichkeit, Schauspieler-Persona und Filmfigur ein Stück weit ineinander fließen lässt. Denn ebenso wie Katya ist Miller eine Schauspielerin, die weniger durch ihr Talent als vielmehr durch ihre Dauerpräsenz in den Boulevardmedien bekannt wurde; ihr Ruhm verdankt sich hauptsächlich einer prominenten Liebesgeschichte. Man könnte also leicht auf die Idee kommen, dass sich Sienna Miller in „Interview“ selbst spielt. Doch dann fällt einem ein, dass man sich bei dieser Einschätzung auch nur auf eben diese Geschichten berufen kann, von deren Zustandekommen dieser Film handelt.

www.kino-zeit.de | kino-zeit.de

Interview / Theo van Gogh

von Marie Anderson

Eine Wohnung, zwei Personen sowie eine nervenaufreibende, kräftezehrende Auseinandersetzung bilden das Szenario des puristischen Dramas Interview von Theo van Gogh aus dem Jahre 2003. Der ungefällige niederländische Gesellschaftskritiker und Regisseur, der 2004 von einem fanatischen Extremisten ermordet wurde, schickt hier zwei Akteure aus den Medienwelten in die Arena der Eitelkeiten und Selbstbehauptung, die sich auch jenseits der Regeln der Kunst ein ebenso intensives wie intimes Gefecht liefern, bei dem letztendlich einer der klugen Köpfe rollen muss. Der bitter-böse Stoff um ein derbes Duell auf gleichermaßen intellektueller und emotionaler Ebene wurde 2007 ebenfalls unter dem Titel Interview vom US-amerikanischen Schauspieler und Regisseur Steve Buscemi ungleich erfolgreicher erneut verfilmt, der die Handlung nach Manhattan verlegte und an der Seite von Sienna Miller die männliche Hauptrolle spielt.

Dass dieser Auftrag ihm so ganz und gar nicht gefällt, daraus macht der Nachrichtenredakteur Pierre Peters (Pierre Bokma) von Anfang an keinen Hehl: Als gestandener politischer Journalist und erfahrener Kriegsberichterstatter soll gerade er ein Interview mit dem populären Film-Sternchen Katja Schuurman (Katja Schuurman) führen, und das ausgerechnet zum Zeitpunkt einer schweren Regierungskrise. Nachdem er über eine Stunde lang vor ihrem Haus auf die attraktive Schauspielerin gewartet hat, ist seine Stimmung in beherrschter Gereiztheit erstarrt, die sich in distanzierter Arroganz äußert, als sich Pierre und Katja schließlich in ihrer Wohnung gegenübersitzen. Nach anfänglichen Eisigkeiten kommen die beiden dann doch gehörig wie ungehörig miteinander ins Gespräch, taxieren sich gründlich, verbünden sich nach dramatischen Dialogen gar kurzfristig im Geiste gemeinsamer Geheimnisse, um letztlich gebeutelt, aber nicht gebrochen den Kampf um die eigene Position wieder aufzunehmen. Erst am Schluss zeigt sich, wer hier tatsächlich die bessere beziehungsweise erfolgreichere Strategie in diesem durchtriebenen Spiel von Sein und Schein verfolgt hat ...

Die triumphale Aufdeckung am Ende der Geschichte, die innerhalb der sorgfältig ausgeklügelten Dramaturgie wohlweislich verborgen bleibt, fokussiert noch einmal deutlich den Aspekt der Schelmenhaftigkeit, die diesem gelungenen Zwei-Personen-Stück innewohnt und sich eines mal ablenkenden, mal konfrontativen Mechanismus bedient, der eine satirische Referenz zur Funktionsweise der Medienwelten aufweist. Was im klassischen Sinne als "wahr" gilt, verschwindet hier innerhalb der unterschiedlichen Ebenen der Inszenierungen, was Regisseur Theo van Gogh durch die Auswahl der filmischen Bedingungen noch verstärkt: Die bekannte niederländische Schauspielerin Katja Schuurman spielt sich sozusagen selbst, und die Dreharbeiten fanden in ihrer privaten Wohnung statt, so dass sich auch hier die Dimensionen des Fiktiven mit der so bezeichneten Realität verweben.

Beim Nederlands Film Festival in Utrecht für ein Goldenes Kalb für Katja Schuurman als Beste Darstellerin nominiert stellt Interview ein spannendes, auch schon mal überzeichnetes, intellektuelles Drama dar, das mit gängigen Klischees von aufrechten, seriösen Nachrichtenredakteuren genauso zynisch jongliert wie mit jenen hübscher Serien-Darstellerinnen mit perfekten, künstlichen Brüsten, die der permanente Hauch der Oberflächlichkeit zu umwehen scheint. Hier werden gängige Moralvorstellungen ausgelotet und ausprobiert, um anschließend mit beißender Ironie in der boshaften Mulde der Lächerlichkeit zu versickern, mit der deutlichen Botschaft, dass (vorgetäuschte) Aufrichtigkeit innerhalb der Medienbranche schlichtweg mit Heimtücke bestraft wird. Betrachtet man in diesem Zusammenhang das schreckliche Lebensende des Regisseurs Theo van Gogh, so drängt sich der Gedanke auf, dass dieser unwegsame Kritiker mit seiner derart interpretierten Sichtweise auf die Wirkmechanismen moralischer Grenzgänge und -überschreitungen tragischerweise wohl genau richtig lag.





DETAILS

Interview / Theo van Gogh

DVD
Originaltitel: Interview (Drama, Niederlande 2003), ca. 88 Minuten
FSK 12
DVD im Handel seit 19.08.10

Extras

Making of; Hinter den Kulissen; Interview mit Theo van Gogh; Trailer; Wendecover

Darsteller

Pierre Bokma
Katja Schuurman
Michiel De Jong
Theo van Gogh

Stab

Regie: Theo van Gogh Submission: Part I, Medea, 06

Technische Angaben

Bild: 1,78:1 (Letterbox)
Sprachen/Ton: Holländisch (Stereo DD)
Untertitel: Deutsch

TRAILERAUSWAHL

GROSS (640x360, 7.8 MB)

Angaben zum Vertrieb

Bst.-Nr. 501772, EAN 4006680041186







 
© 2012 STUDIOCANAL GmbH. Alle Angaben ohne Gewähr.