Nurse Betty

Das Selbstbewusstsein der Kellnerin Betty ist mindestens genauso klein wie das Kaff in Kansas, in dem sie tagtäglich die Demütigungen ihres Ehemannes Del ertragen muss. Der einzige Lichtblick in Bettys Leben ist der attraktive TV-Arzt Dr. Ravell aus der Daily Soap "A Reason to Love", in den sie unsterblich verliebt ist. Als Betty miterlebt, wie ihr Mann wegen einer Drogengeschichte von zwei Profikillern ermordet wird, steht sie unter einem traumatischen Schock. Ihr eigenes Leben ist mit einem Male wie weggeblasen, und sie ist nun felsenfest davon überzeugt, "Schwester Betty" zu sein, die Ex-Verlobte des TV-Doktors David Ravell. Mit dem Koks im Kofferraum von Dels Auto macht Betty sich quer durch die Staaten auf den Weg nach L.A., um dort ihren Traummann zurückzuerobern. Sie hat keine Ahnung, dass die beiden Killer ihr auf der Spur sind.

In der Presse

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Nurse Betty

von René Classen

Dr. David Ravell schiebt regelmäßig Überstunden im OP, behandelt Schwestern und Kollegen gleichermaßen zuvorkommend und räumt dem Wohlergehen seiner Patienten oberste Priorität ein. Er ist zu gut, um wahr zu sein - es handelt sich um die Hauptfigur einer Daily Soap. Da er zudem mit Charme und makellosem Aussehen gesegnet ist, zieht ihn Betty jeder realen Person vor. Ihre Begeisterung geht so weit, dass sie das Geschehen auf dem Bildschirm auch dann gebannt verfolgt, wenn sie ihre Arbeit als Bedienung in einem Diner verrichtet. Ihren Halt in der Wirklichkeit verliert sie jedoch erst dann, als sie beobachtet, wie ihr Ehemann von zwei Gangstern zunächst skalpiert und dann erschossen wird. Betty flieht in die schöne, bunte Fernseh-Welt. Ihr psychischer Rückzug aus ihrer unmittelbaren Umgebung bedeutet zugleich den physischen Aufbruch aus dem heimatlichen Kansas. Sie macht sich auf den Weg ins ferne Los Angeles, um dort ihren imaginären Verlobten Dr. Ravell zu treffen. Doch die Realität, der sie entkommen möchte, bedrängt sie sowohl in Gestalt der beiden Gangster, die die Verfolgung der unliebsamen Zeugin aufgenommen haben, als auch in der Person des Ravell-Darstellers George McCord, der Bettys Verhalten für geniale Improvisation hält und ihr eine Rolle in der Serie verschafft. Bettys Ausflug in das zauberhafte Land von Hollywood beginnt in Kansas - wie 100 Jahre zuvor die Reise der kleinen Dorothy in dem klassischen amerikanischen Märchen „Der Zauber von Oz“ (fd 30 170). Ein Wirbelsturm trägt Dorothy in ein farbenfrohes Fantasiereich, aus dem sie unverzüglich in ihre Heimat zurückkehren möchte. Betty hingegen versucht mit der Kraft ihrer Imagination, in eine schönere, harmlosere Variante der Welt zu entkommen. Doch als sie das ersehnte Utopia auf einer Soundstage findet, erzwingt die Penetranz der Kameras und die routinierte Indifferenz der Darsteller das Ende ihrer privaten Fiktion. Das eigentliche Märchen beginnt damit jedoch erst: Ein Abspanntitel informiert, dass Betty nach wenigen Folgen aus der Serie ausgestiegen ist, um eine Ausbildung zur Krankenschwester zu beginnen. Dieser radikale Rückzug Richtung Realität erscheint fantastischer als alle Fluchtversuche zuvor.

Die Filme von Regisseur Neil LaBute weisen ihn nicht gerade als Menschenfreund aus. In seinem Debüt „In the Company of Men“ erzählte er von zwei Männern, die eine taubstumme Frau zum Gegenstand ihrer Machtspiele machen. In „Your Friends and Neighbors“ präsentierte er Mittelklasse-Intellektuelle als gefühlskalte Monster, die bei der Befriedigung ihrer sexuellen Begierden keine moralischen Grenzen kennen. „Nurse Betty“ erscheint im Vergleich dazu beinahe warmherzig. Zwar hat sich LaBute den kühl-distanzierten Blick bewahrt, mit dem er die Defizite moderner Existenz registriert, doch zeigt er Ansätze von Sympathie für seine Charaktere, die diesmal nicht unter dem Diktat ihrer Hormone, sondern darunter leiden, dass ihre Sehnsüchte nur noch von industriell gefertigten Illusionen befriedigt werden. Bettys psycho-pathologisches Verhalten charakterisiert LaBute weniger als individuelles Schicksal denn als Symptom einer kollektiven Krankheit, die der Werbeslogan zum Film bereits benennt: Realität ist relativ. Dieser Allgemeinplatz der Postmoderne erfreute sich im Kino des ausgehenden Jahrhunderts großer Beliebtheit: von „The Truman Show“ (fd 33 417) bis zu „The Matrix“ (fd 33 720) konnte man Wirklichkeit immer wieder als Inszenierung erleben. Doch LaBute beschränkt sich nicht darauf, vertraute Ideen zu rekapitulieren. Im Zentrum seines Films stehen nicht so sehr die Defizite von Bettys Weltsicht, sondern vielmehr die Reaktionen, die sie bei anderen Leuten auslöst. Seltsamerweise versucht niemand, sie auszulachen oder in eine Anstalt einzuliefern. Stattdessen akzentuiert Bettys „Glaubensstärke“ die Problematik des ab- und aufgeklärten Zynismus ihrer Mitmenschen. Die Produzenten und Darsteller ihrer Lieblingsserie betrachten die Fiktion, die sie kreieren, lediglich als geistiges Entspannungsmittel für die Fernsehnation. Die Intensität, mit der Betty auf die Authentizität ihrer Illusion pocht, verwirrt und verunsichert die Medien-Profis, übt zugleich aber insbesondere auf George McCord einen beträchtlichen Reiz aus. Er will an der Kraft ihres fehlgeleiteten Glaubens teilhaben. Denn die Welt, in die Betty zurückkehrt, als die Sachlichkeit des Fernsehstudios ihre Wunschträume entlarvt, bietet ihm ebenso wenig wie Betty eine echte Heimat.





DETAILS

Nurse Betty

DVD
Originaltitel: Nurse Betty (Komödie, Krimi, USA 1999), ca. 106 Minuten
FSK 16
DVD im Handel seit 07.08.01

Extras

Trailer; TV-Spots; Audiokommentare; deleted Scenes; Soap Opera-Segmente "A Reason to Love"; Interviews (Ausschnitte)

Darsteller

Renée Zellweger (Der Junggeselle, Ich beide & sie, Schokolade zum Frühstück)
Morgan Freeman (Deep Impact, Outbreak, Million Dollar Baby)
Chris Rock (Dogma, Lethal Weapon 4)
Greg Kinnear (Besser geht's nicht, E-Mail für Dich)

Stab

Regie: Neil LaBute
Drehbuch: John C. Richards, James Flamberg
Kamera: Jean-Yves Escoffier
Produktion: Gail Mutrux, Steve Golin

Technische Angaben

Bild: 2,35:1 (16:9 anamorph)
Sprachen/Ton: Deutsch, Englisch (5.1 Dolby Digital)
Untertitel: Deutsch (ausblendbar)

Angaben zum Vertrieb

Bst.-Nr. 500187, EAN 4006680022673







 
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