London 1892. Die Kritiker feiern Oscar Wilde (Stephan Fry) als den neuen Dramatiker. Zwar ist sein Werk "Das Bildnis des Dorian Gray" umstritten, doch in der High Society steht der irische Dandy mit der spitzen Zunge hoch im Kurs. Daheim sitzt die hübsche Ehefrau Constance mit den zwei kleinen Kindern, während die jugendlichen Liebhaber bei dem Schriftsteller Schlange stehen. Als Wilde dem jungen Lord Alfred Douglas (Jude Law) verfällt, verändert sich sein Leben grundlegend. Seine Liebe zu dem egoistischen Aristokraten grenzt an Selbstaufgabe. Er vernachlässigt seine Arbeit, wird krank und bekommt akute Geldprobleme. Alfreds Vater, der Marquis von Queensberry, will die Beziehung zu seinem Sohn unterbinden. Es kommt zu einem Prozess, bei dem Wilde wegen Unzucht verurteilt wird. Zwei Jahre Zuchthaus mit Zwangsarbeit zerstören den feinsinnigen Schriftsteller endgültig.

In der Presse

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Oscar Wilde

von Reinhard Lüke

Die Werke von Oscar Wilde - wie "Salomé" und "Das Bildnis des Dorian Gray" - lieferten bereits den Stoff für eine ganze Reihe filmischer Adaptionen, und auch das Leben des irischen Autors in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts war bereits mehrfach Gegenstand von Kinoproduktionen. Wobei diese zumeist weniger den Schriftsteller als den Dandy und das gesellschaftliche "Enfant Terrible" Oscar Wilde in den Mittelpunkt ihres Interesses stellten. Angelehnt an die 1988 erschienene opulente Wilde-Biografie von Richard Ellmann, konzentriert sich Brian Gilbert in seinem Spielfilm vornehmlich auf die skandalumwitterte Vita des Dichters. Doch anders als die früheren Filmbiografien ist der Film frei von jenem voyeuristischen Kitzel, von dem sich bürgerliche Moralisten nicht nur im spätviktorianischen Zeitalter nur allzu gern schockieren ließen. Vielmehr zeichnet Gilbert, der sich mit "Tom & Viv" (fd 31 077) bereits mit dem Leben des Schriftstellers T.S. Eliot auseinandersetzte, Oscar Wilde vornehmlich als einen zerrissenen Charakter. Der vermeintlich egozentrische Lebemann mit der obligatorischen Nelke im Knopfloch erscheint als liebevoller Vater, der seinen Kindern fantasievolle Gutenachtgeschichten erzählt, seine Frau Constance zwar schändlich vernachlässigt, aber dennoch aufrichtig liebt und sich auch nach seinem "Coming Out" als Homosexueller weiterhin zu ihr bekennt. Oscar Wilde erscheint weniger als souveräner Dandy, als ein auf tragische Weise Getriebener, der sich zwischen den "Fronten" seines Begehrens aufreibt. Einerseits verachtet er das spießbürgerliche Publikum, das seine Stücke beklatscht, andererseits läßt der beifallssüchtige Narziß in ihm keine gesellschaftliche Einladung aus, um sich von eben diesen Menschen auf die Schulter klopfen zu lassen.

Derselbe Widerspruch kennzeichnet seine Verbindung mit seinem jugendlichen Liebhaber Bosie, einem sensiblen Schönling und arroganten Schnösel zugleich, dem Wilde bis zur Selbstaufgabe verfällt. Jene Szenen, in denen der jugendlich ungestüme Bosie Wilde mit seinem Hang zur trauten Zweisamkeit vorwirft, ein kleinbürgerlicher Spießer zu sein, gehören fraglos zu den stärksten Eindrücken des Films, nicht zuletzt, weil es Hauptdarsteller Stephen Fry in umwerfender Manier gelingt, die ganze Tragik dieser Situationen anschaulich zu machen. Gilbert beschränkt sich bei seinem überzeugenden Porträt auf den "erwachsenen" Oscar Wilde, also die Zeit von seiner Heirat mit Ende 20 bis zu seinem Tod. Die Ausblendung von Kindheit und Jugend überrascht, verschont einen andererseits aber auch wohltuend von jeder psychologisierenden Charakterforschung. Weniger gelungen erscheint der Umstand, daß nahezu der ganze Film in geschmackvoll bis geschmäcklerisch hergerichteten Interieurs spielt. Die Außenaufnahmen beschränken sich auf wenige Spaziergänge und (immer wieder) irgendwo vorfahrende Kutschen, deren Fahrgäste sich dann schleunigst zu irgendeiner Party oder einem trauten Zwiegespräch nach drinnen begeben, was bisweilen ermüdend wirkt und den Film nicht ohne Längen bleiben läßt. Ob Gilbert mit seiner differenzierten Korrektur des landläufigen Oscar-Wilde-Bildes der historischen Figur nun gerecht wird oder sie womöglich allzu sehr "zähmt", sei dahingestellt. Bemerkenswert ist sein ambitioniertes Porträt - nicht nur für Wilde-Fans - allemal.





DETAILS

Oscar Wilde

DVD
Originaltitel: Wilde (Drama, History, Großbritannien 1997), ca. 112 Minuten
FSK 12
DVD im Handel seit 06.07.04

Extras

Dokumentation "Simple Wilde"; Trailer; Wendecover

Darsteller

Stephen Fry (Gosford Park, Peter's Friends, I.Q. - Liebe ist relativ)
Jude Law (Der talentierte Mr. Ripley, Unterwegs nach Cold Mountain, Gattaca)
Vanessa Redgrave (Tödliche Absichten, Mission Impossible)
Jennifer Ehle (Sunshine - Ein Hauch von Sonnenschein)
Orlando Bloom (Herr der Ringe, Troja)

Stab

Regie: Brian Gilbert
Drehbuch: Julian Mitchell
Kamera: Martin Fuhrer
Produktion: Mark Samuelson, Peter Samuelson

Technische Angaben

Bild: 2,35:1 (letterboxed)
Sprachen/Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)
Untertitel: Deutsch

TRAILERAUSWAHL

GROSS (640x360, 31 MB)

Angaben zum Vertrieb

Bst.-Nr. 500823, EAN 4006680031255







 
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